Über das Älter werden

Ich habe vor Kurzem das Buch Wer keine Falten hat, hat nie gelacht gelesen und habe viel über das nachgedacht, was die Autorin Renate Georgy in ihrem Buch geschrieben hat. Und ich dachte, ich teile meine Gedanken einfach mit euch.

Ich werde im Juni 43 Jahre alt und bin damit locker noch 20 Jahre jünger als die Autorin, und dennoch fühle ich mich manchmal alt. Durch meine Krankheiten vor allem, weil die mich einfach sehr stark einschränken. Aber manchmal auch durch meine Kinder. Ich verstehe ihre Sprache schon jetzt oft nicht mehr und kann es manchmal gar nicht glauben, dass meine älteste Tochter dieses Jahr 17 Jahre alt wird und sich für den Führerschein anmelden will.

Und gleichzeitig fühle ich mich ihr so nah wie vorher noch nie, weil ich gerade ihre Pubertät erlebe und mich an meine noch so gut erinnern kann. Dann fühle ich mich eher wie 18 oder 20… das ganze pubertäre Gefühlschaos kann doch erst gestern gewesen sein…

Manchmal überlege ich, ob ich gerne noch einmal 16 wäre und komme zu dem Ergebnis: auf keinen Fall! Das Leben war sooooo anstrengend mit 16! Traurigkeit war tiefste Trauer, Weltschmerz fast ein Dauerzustand. Ich wollte zu den coolen Mädchen gehören und war doch Außenseiterin. Das ganze Leben eine Achterbahnfahrt… nein, das möchte ich nicht nochmal!

Und meine 20er? Möchte ich die nochmal erleben? Nein, auch nicht! Da habe ich zwar geheiratet und mein erstes Kind bekommen, aber alles war anstrengend. Plötzlich war ich verantwortlich für einen Mini-Menschen. Und ich hatte keine Ahnung, welche Herausforderungen das mit sich bringt!

Die 30er waren aber eigentlich die schlimmsten Jahre. Ich habe noch 3 Kinder bekommen, meine Ehe ging in die Brüche, finanzielle Sorgen. Meine Krankheiten wurden immer schlimmer, mein Ehemann war keinerlei Hilfe, im Gegenteil. Ich habe in meinen 30ern viele Jahre eigentlich nur existiert, nicht wirklich gelebt.

Mit der 40 kamen dann die positiven Veränderungen. Ich habe mich getrennt und bin mit meiner besten Freundin, ihrem Sohn und natürlich meinen Kindern in eine WG gezogen. Meine Freundin und ich sind Seelengefährten und schon 25 Jahre beste Freundinnen. Seit wir zusammenwohnen, lebe ich wieder. Ich bin glücklich. Die Kinder sind aus dem Gröbsten raus (die Jüngste wird dieses Jahr 8 Jahre alt), gehen alle in die Schule, brauchen nicht mehr bei jeder Kleinigkeit Hilfe. Alle sind aus dem Familienbett ausgezogen und sehr selbständig. Ich habe viel mehr Kraft, die ich nun auch mal für mich nutzen kann, indem ich Bücher schreibe und Buchbloggerin bin. Kleine Kinder kommen nur noch zu Besuch, und ich kann sie wieder abgeben.

Ja, das Leben hat trotzdem noch einige Herausforderungen für mich. Meine Krankheiten werden schlimmer, bei meinem Sohn wurde Asperger und bei der Jüngsten ADHS diagnostiziert. Und Corona macht es nicht leichter. Aber dennoch ist mein Leben ruhiger geworden, ist es in mir ruhiger geworden. Und dadurch fühle ich mich jung! Ich habe noch viele Träume und Pläne.

Ich bin froh, dass ich das Kapitel Ehe hinter mir habe und will definitiv keinen neuen Partner. Den brauche ich auch nicht, weil einfach meine liebsten Menschen schon bei mir sind. Ich habe abgeschlossen mit Schwangerschaften, Geburten, Babys und Kleinkindern. Nur Tante würde ich gerne noch werden! Und wenn ich Bekannte und Freunde mit kleinen Kindern um mich habe, bin ich immer wieder froh, dass meine Kinder schon so groß sind!

Mittlerweile habe ich schon so viel erlebt und so viel Wissen und Erfahrungen angesammelt, dass ich sehr schnell bei fremden Menschen spüre, wer zu mir passt und wer nicht, wer mir gut tut und von wem ich mich besser feenhafte. Ich muss keine Erwartungen mehr erfüllen. Ich weiß, was ich nicht will oder nicht leisten kann und kann das auch kommentieren. Ich kann mich (meistens) selbst schützen vor Situationen, die mir nicht gut tun. Mir ist es (fast) egal, was andere von mir denken. Ich weiß endlich, dass ich unter Lipödem leide und mich nicht einfach nur fett gefressen habe, also brauche ich mir den Schuh auch nicht anzuziehen.

So viel Positives konnte ich über meine ersten 39 Lebensjahre nicht sagen. Also bin ich heute positiv gespannt darauf, was das Leben noch für mich bereithält.

6 Kommentare zu „Über das Älter werden

  1. Was für ein toller Beitrag und schöne Überlegungen, Du Küken 😊
    In die Teeniejahre, oder die zwanziger würde ich nicht gerne zurück, aber mit Ende dreißig wurde mein leben so richtig gut. Da würde ich durchaus gerne nochmal hin 😌
    Schön, dass du die Kurve gekriegt hast.
    Also freu dich drauf.

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  2. Kann mich meiner Vorschreiberin anschließen: Was für ein toller Beitrag, du Küken 😀
    Ich bin jetzt 68 und auch bei mir begann mit 40 eine ganz neue Zeit und Lebensqualität. Die Kinder keine Kleinkinder mehr, meine Ehe zu Ende und beruflich ein Neueinstieg nach 12 Jahren Familienpause. Was für ein Abenteuer, was für ein reiches Leben…

    Du hast jetzt die Gelegenheit DEINE Pläne, Wünsche, Leidenschaften zu verwirklichen, also ran ans Werk, weiter so! Ich mag dich sehr 🙂

    Viel Glück für alles was du in Angriff nimmst und schon genommen hast!

    Gefällt 1 Person

  3. Ein sehr schöner und emotionaler Artikel. Ich bin im November 55 geworden, ich fühle mich höchstens wie 40. Meine 30er waren schön. Man ist für nix mehr zu jung, aber auch noch nicht wirklich für etwas zu alt. Meine 40er waren eigentlich die schönsten Jahre, wenn ich jetzt so zurückblicke. Es interessiert einen nicht mehr, was andere Leute über einen denken, man macht sein eigenes Ding. Mit 54 kam dann die Trennung von meinem Mann, wir leben aktuell noch zusammen im gleichen Haus, aber nicht mehr in den gleichen Räumen, ich warte schon auf den Einzug in eine andere Umgebung (was aber noch ein paar Wochen dauern wird). Mit 55 darf ich dann jetzt nochmal von vorne anfangen. Neuer Job, Mitte des Jahres neue Wohnung und was dann kommt, werde ich sehen.

    Eigene Kinder haben wir keine, es hat nicht sollen sein, aber im Jahr 2015 ist mir ein junger Mann begegnet, der mich als seine Mutter sieht und ich sehe ihn als das Kind, das ich nie hatte. Aktuell studiert er 70 km von mir entfernt und wir sehen uns nicht so oft, wie ich es gerne hätte.

    Halt die Ohren steif, es geht immer irgendwie weiter und manchmal erkennt man erst später, dass es gut war, wie es war. In jedem Ende steckt ein neuer Anfang …. das ist so wahr.

    LG Babsi

    Gefällt 2 Personen

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