Leuchtende Lyrik #6

Willkommen und Abschied

Es schlug mein Herz, geschwind, zu Pferde! 
Es war getan fast eh gedacht. 
Der Abend wiegte schon die Erde, 
Und an den Bergen hing die Nacht; 
Schon stand im Nebelkleid die Eiche 
Ein aufgetürmter Riese, da, 
Wo Finsternis aus dem Gesträuche 
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel 
Sah kläglich aus dem Duft hervor, 
Die Winde schwangen leise Flügel, 
Umsausten schauerlich mein Ohr; 
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch frisch und fröhlich war mein Mut: 
In meinen Adern welches Feuer! 
In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude 
Floß von dem süßen Blick auf mich; 
Ganz war mein Herz an deiner Seite 
Und jeder Atemzug für dich. 
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter 
Umgab das liebliche Gesicht, 
Und Zärtlichkeit für mich – ihr Götter! 
Ich hofft es, ich verdient es nicht!

Doch ach, schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne!
In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Johann Wolfgang Goethe (1749 bis 1832)

Johann Wolfgang Goethe (1749 bis 1832) war ein deutscher Dichter. Außer Lyrik schrieb er auch Dramen, Romane, epische Texte und viele Briefe. Sein Buch „Faust“ gilt als die bedeutendste Schöpfung der deutschen Literatur und grundsätzlich gelten Goethes Werke als Weltliteratur. Er hat auch einige nicht ganz jugendfreie Gedichte geschrieben. Die stelle ich euch aber ein anderes Mal vor.

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