ADHS und Veränderungen

Meine Tochter hat ADHS. Und meine Tochter wird am 10. März 8 Jahre alt. Und letzte Woche begann für sie der Präsenzunterricht in der Schule wieder. Und die Kombination aus diesen 3 Dingen führt hier zu großem Stress.

Irgendwie führt das ADHS dazu, dass meine Tochter vor Veränderungen (Präsenzunterricht nach 8 Wochen Distanzlernen) und besonderen Ereignissen (Geburtstag, Weihnachten usw.) total aufgeregt ist. Und teilweise auch Angst hat. Normal, könnte man meinen, das geht wahrscheinlich sehr vielen Kindern so. Aber ADHS scheint diese Gefühle noch zu verstärken.

Meine Tochter scheint ständig unter Strom und unter Spannung zu stehen. Und Dinge, die normalerweise einfach laufen sollten, laufen nicht mehr. Die Aufforderung, die Aufgaben im Distanzlernen zu erledigen, schlafen zu gehen, die Geschwister auf dem Trampolin nicht mit Tannenzapfen zu bewerfen oder zu schlagen, nur weil man mal nicht als erste aufs Trampolin durfte… sowas führt hier gerade zu totaler Eskalation.

Bild von Hatice EROL auf Pixabay

Das Kind tobt, kreischt, tritt gegen Möbel, wirft mit Sachen um sich. Das volle Programm. Und egal, was man versucht, man erreicht sie nicht. Sie hört nicht zu, lässt sich nicht beruhigen, lässt sich nicht auf einen Kompromiss ein. Man hat einfach keine Chance!

Vor ein paar Tagen führte die Regel „Medien gibt es erst, wenn die Aufgaben erledigt sind“, die keineswegs überraschend oder neu ist, zu einem 2 stündigen Wüten und Kreischen. „ICH WILL MEIN TABLET“.

Und ganz ehrlich? Ich bin da teilweise echt überfordert. Aber nicht mit der Situation selber, sondern mit dem Druck, der von der Gesellschaft auf mich ausgeübt wird. Wir haben „nette“ Nachbarn, die gerne in anonymen Briefen damit drohen, Polizeit oder Jugendamt zu benachrichtigen, wenn das Schreien nicht aufhört.

Einmal hat das Kind fürchterlich geschrieen, weil es sich weh getan hatte. Ja, andere Kinder weinen da vielleicht leise(r), meins nicht. Wenn Gefühle ausbrechen, dann wie ein Tsunami. Prompt stand ein Nachbar vor der Tür und drohte mit der Polizei, wenn das Geschrei nicht sofort aufhört. Wohlgemerkt – es war 18:10 Uhr an einem Samstag nachmittag.

Meine Freundin kann das an sich abprallen lassen. Sie steht auf dem Standpunkt: Sollte wirklich mal die Polizei kommen, können wir die Situation ja erklären. Aber ich kann das nicht. In mir bricht sofort Panik aus. Und ich fühle mich gezwungen, irgendwie meine Tochter „ruhigzustellen“. Ich rede auf sie ein, versuche sie zu beruhigen usw. Und immer sitzt mir die Angst im Nacken.

Ganz oft frage ich mich auch, wann und ob die Kleine es lernt. Ob sie irgendwann lernt, ihre Gefühle anders auszudrücken, anders zu dosieren. Ist das eine Impulskontrollstörung? Gehört es zum ADHS dazu? Würden Medikamente helfen? Und wenn ja – würde ich sie ihr dann nicht nur geben, damit ich nicht mehr so eine Angst vor den Raktionen anderer Menschen habe? Oder würde ich meinem Kind damit helfen?

Ich habe gelernt, dass es immer wieder solche Phasen gibt. Und dass wir da am besten mit ganz viel Liebe durchkommen. Dann darf sie bei mir im Bett schlafen und man lässt bei den Aufgaben auch mal welche unter den Tisch fallen. Ich denke, fürs Seelenheil ist das vertretbar.

Ich weiß, wenn der Präsenzunterricht wieder Alltag ist, wird es besser. Wenn der Geburtstag vorbei ist, wird es besser. Es ist nur eine Phase. Aber ich bin so müde! Ich muss auf mein Kind achtgeben, muss aber auch achtsam mit mir sein, sonst lande ich in einem depressiven Schub. Und dann wird es noch schlimmer.

11 Kommentare zu „ADHS und Veränderungen

  1. Ich fühle auf jeden Fall mit dir. Hmmm… Medikamente… Ich bin der Meinung, dass Psychopharmaka bei Kindern in dem Alter zumindest nicht die erste Lösung sein sollten… Ich würde auf jeden Fall die Meinung mehrerer Parteien einholen, vor dem Treffen einer Entscheidung. Mich haben damals, als ich noch klein war, Spaziergänge im Wald oder sonstwo in der Natur immer sehr beruhigt.

    Viel Kraft und alles Gute wünscht dir,
    Marcus Borchel

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  2. Hallo, gibt es vielleicht etwas auf pflanzlicher Basis, dass Deinem Kind ein bisschen mehr Ausgeglichenheit und damit zusätzliche Hilfe schenken könnte? Ich kann mir vorstellen, dass Deine Kleine nach solchen „Wutausbrüchen“ sehr erschöpft ist und sich nicht wohl fühlt. Manchmal bedarf es ein wenig Steuerung von „außen“, vielleicht wäre dies in solch schwierigen Situationen für das Kind eine neue Erfahrung und Chance sich selbst ausgeglichener zu erleben, die „Wut“ zu beherrschen und nicht beherrscht zu werden. Was sagt der Kinderarzt? Ferner haben alle Deine Kinder mehr davon, wenn Sie von Dir lernen, dass es auch wichtig ist, für sich selbst gut zu sorgen. Kinder werden schneller erwachsen, als man denkt…. . Es sind nur Überlegungen von meiner Seite. LG und weiterhin viel Kraft! 🙂

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  3. Liebe Daniela,
    Dass hier minimale Veränderugenund Herausforderungen bei zwei Kindern zur Totaleskalation führenist mitr all zu vertraut.
    Wegen seiner ausgeprägten Impulskontrollstörung habe ich mich bei meinem fast Siebenjährigen nun auf den Versuch mit Medikamenten eingelassen.
    Zu groß wurde meine Angst, dass er durch sein unbedachtes Verhalten einen Unfall erleidet oder jemand anderes ernsthaft schädigrt.
    Keine Grundschule will ihn haben.
    Er hat keine Freunde.
    Er kann vieles nicht tun, was altersentsprechend wäre, wie allein vor der Tür spielen, mal selbstständig zum Bäcker gehen oder auch nur allein auf den Balkon, in die Badewanne oder in die Küche.
    Stundenlanges, tägliches Draußensein, enge Strukturen, extrem limitierter Zugang zu Medien (nix Tablet), Ergo, heilpädagogisches Reiten, Erziehungsberatung für mich haben bestimmt alle gut getan, aber das grundsätzliche Problem in keinster weise gelöst.
    Nach ausführlichen Voruntersuchungen (Stoffwechsel, Herz)
    haben wir mit Medikinet begonnen. Es war der blanke Horror. Nach ein paar Stunden kaum wahrnehmbarer Wirkung kam es zu Aggressionen, die alles bisherige in den Schatten stellten , er war wie ein entfesselter Dämon und unsere letzte Entlastung der Bauspielplatz brach weg, weil sie das nicht mehr verantworten konnten. Er hat es selbst deutlich gespürt und drunter gelitten.
    Jetzt bekommt er den selben Wirkstoff in einer anderen Form und man ahnt, wozu es gut sein könnte eines Tages, „Ruhig“ und nachbarschaftskompatibel sollen die Kinder durch die Medis übrigens nicht wrden! Ich habe übrigens mir angewöhnt bei Polizeidrohungen freundlich zu sagen, „ja, machen Sie, das! Dann bekommen wir hier eine vernünftige Moderation und möchten Sie die Durchwahl unserer Zuständigen beim Jugendamt? Dann sind sie gleich an der richtigen Stelle.“
    Es hat nie einer seine Drohung wahrgemacht.
    Gute Nerven wünsche ich.
    Das Präsenzlernen wird ja auch etwas Entlasung bringen
    Natalie

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    1. Danke, dass du mir von deinen Erfahrungen erzählst. Das hilft mir sehr, wenn ich merke, dass ich nicht alleine bin. Deine Reaktion bei Polizeidrohungen finde ich toll. Respekt! Vor allem das mit der Durchwahl zum Jugendamt. Das werde ich mir merken. Ich kann mir gut vorstellen, dass das den Nachbarn den Wind aus den Segeln nimmt. Du hast also auch erst alles andere probiert, bis du dich für Medikamente entschieden hast?

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      1. Ja natürlich, die Medikamente sind schon heftig und wenn es ohne ginge …
        Einstellung wird übrigens bei uns im SPZ gemacht, die auch die Diagnostik gemacht haben. Vom Entschluss bis zur Einstellung vergingen mehrer Monate wg. der Voruntersuchungen (EEG,EKG, Stoffwechseldiagnostik)
        Bei ihm ist es nicht das klassische ADHS sondern eine häufige Komorbidität bei einer Alkoholschädigung, was wohl zum Teil erklärt weshalb die Einstellung so holprig verläuft. Bis jetzt bin ich mir noch nicht sicher, ob es die Lösung ist.

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      2. Hier würden die Untersuchungen und die Einstellung auch in der kinderneurologischen Klinik gemacht, die auch die Diagnostik gemacht hat. Termin ist aber leider erst Ende April. Und dann würden ja erst die ganzen Voruntersuchungen beginnen. Wir werden also noch eine Weile so klarkommen müssen.

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      3. Was mir noch durch den Kopf gegangen ist: Was sagt deine Tochter selbst dazu?
        Stört sie etwas an der Situation?
        Mein Kind hat sich selbst sehr entschieden für einen Versuch etwas an der Situation zu ändern ausgesprochen und auch das war natürlich ein Argument es zu versuchen.
        Und er konnte auch klar benennen, dass der erste Versuch ihm nicht gut getan hat.

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  4. Meine Älteste hatte und hat (heute erwachsen) das auch. Medikamente lehne ich nicht grundsätzlich ab, wenn der Kinderarzt sich auskennt und vorsichtig medikamentiert, d.h. die Dosierung anpasst und ggf. unterschiedliche Medikamente ausprobiert (abhängig von Nebenwirkungen). Oft ist es sinnvoll, das Medikament morgens für die Schule zu geben, sodass die Wirkung nach der Schule vorbei ist. Es hat geholfen, die Konzentration im Unterricht zu verbessern. Die Nebenwirkungen sind aber genau zu beobachten, damit es z.B. nicht zu einer depressiven Verstimmung kommt. Begleitend sollte es Ergotherapie, Spieltherapie o.ä. geben. Zum Jugendamt würde ich pro-aktiv gehen, denn den Kindern und der Familie stehen Leistungen der Jugendhilfe zu. Z.B. kann eine vom Jugendamt bezahlte Person bei der Hausaufgabensituation oder anderen kritischen Situationen entlasten (und sei es nur durch eine Art Supvervision). Ich habe das mit drei Adoptiv-/Pflegekindern mitgemacht. Es war und ist immer ein Ritt auf der Klinge, es kam aber nicht zu nachhaltigen Abstürzen.

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    1. Beim Jugendamt waren wir schon. Pro-aktiv, wie du geschrieben hast. Die Konzentration allein ist nicht das Problem. Eher die Unterforderung mit dem Stoff. Wenn sie weiß, dass sie die Aufgaben sicher beherrscht, verweigert sie (was ich sogar verstehen kann!) . Probleme gibt es eher in der Nachmittagsbetreuung und den Pausen mit den anderen Kindern. Und eben hier zu Hause – entweder beim Distanzlernen oder beim ins Bett gehen. Und da liegt bei Medikamenten Problem: Wenn sie „nur“ so lange wirken, wie der Unterricht dauert, habe ich Angst, dass es danach in der OGS oder zu Hause erstrecht eskaliert. Weil ich dem Kinderarzt eine vernünftige Medikation nicht zutraue, bleiben wir in der kinderneurologischen Klinik, die bei beiden Kindern die Diagnosen gestellt haben. Ein Ärzten dort vertraue ich. Aber Termin ist leider erst Ende April… Respekt für das Aufziehen von Pflege- bzw. Adoptivkindern. Das ist sicher eine große Herausforderung!

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