Leuchtende Lyrik #1

Der Januar

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Der Weihnachtsmann ging heim in seinen Wald.
Doch riecht es noch nach Krapfen auf der Stiege.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Man steht am Fenster und wird langsam alt.

Die Amseln frieren.
Und die Krähen darben.
Und auch der Mensch hat seine liebe Not.
Die leeren Felder sehnen sich nach Garben.
Die Welt ist schwarz und weiß und ohne Farben.
Und wär so gerne gelb und blau und rot.

Umringt von Kindern wie der Rattenfänger,
tanzt auf dem Eise stolz der Januar.
Der Bussard zieht die Kreise eng und enger.
Es heißt, die Tage würden wieder länger.
Man merkt es nicht. Und es ist trotzdem wahr.

Die Wolken bringen Schnee aus fremden Ländern.
Und niemand hält sie auf und fordert Zoll.
Silvester hörte man’s auf allen Sendern,
dass sich auch unterm Himmel manches ändern
und, außer uns, viel besser werden soll.

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und ist doch hunderttausend Jahre alt.
Es träumt von Frieden. Oder träumt’s vom Kriege?
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und stirbt in einem Jahr. Und das ist bald.

Erich Kästner (23.2.1899 bis 29.7.1974)

Erich Kästner ist den meisten Menschen sicher bekannt. Er hat zB. Die wunderschönen Kinderbücher „Pünktchen und Anton“, „Das doppelte Lottchen“, „Emil und die Detektive“ und „Das fliegende Klassenzimmer“ geschrieben. Aber ebenso Bücher für Erwachsene und ganz wunderbare Gedichte, in denen er oft Gesellschaftskritik geübt hat. Aber seine Gedichte überzeugen auch einfach durch seine Sprache und seine detailgenaue Beobachtungsgabe.

Mein liebster Gedichtband von ihm ist Die lyrische Hausapotheke

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