ADHS – Eine schwierige Diagnose

Meine 8 jährige Tochter hat vor einem halben Jahr die Diagnose ADHS bekommen, und immer noch beschäftige ich mich mit diesem Thema. Ich lese viel dazu und informiere mich in Foren, tausche mich mit anderen Eltern aus. Und dennoch fühle ich mich oft alleine gelassen.

In der Klinik warte ich auf einen weiteren Beratungstermin. Ich möchte mehr wissen über mögliche Medikamente und Therapien. Was das angeht, fühle ich mich noch nicht gut beraten. Für ein Elterntraining stehen wir auf der Warteliste – Wartezeit mindestens 1 Jahr!

Ich habe versucht, auf eigene Faust Therapien zu finden, aber das gestaltet sich auch schwierig. Alles, was für uns erreichbar wäre, ist voll und nicht mal bereit, uns auf eine Warteliste zu setzen.

Der ADHS Aspekt, der uns auch hier im privaten Umfeld am meisten zu schaffen macht, ist die fehlende Impulskontrolle. Heißt, meine Tochter bekommt regelmäßig Wutanfälle und tickt aus. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die zum Ausrasten führen (z.B. morgens für die Schule pünktlich aus dem Haus gehen müssen), manchmal sehen wir den Anlass nicht mal oder er ist einfach völlig bescheuert. Z.B. morgendliches Gebrüll, weil angeblich NICHTS zu essen im Haus ist. Oder zumindest nicht genau das, was sie essen will.

Diese Wutanfälle führen dann über Kreischen und Brüllen gerne auch zu Sachen herumwerfen oder Möbel treten. Am liebsten, wenn mindestens eine Person im Haus schläft.

Das ist wirklich hart. Zumal man sie kaum aus diesen Wutanfällen rausholen kann. Manchmal nicht mal damit, dass sie ihren Willen bekommt. Es belastet alle in unserer Familie, und es führt immer wieder dazu, dass sich die Geschwister ungerecht behandelt fühlen.

Ja, meine Tochter wird für diese Wutanfälle nicht bestraft… meistens bekomme ich auch raus, was los ist/war. Ärger in der Schule, Müdigkeit, Streit mit anderen Kindern, Sorgen… Sie frisst erstmal alles in sich rein, und diese Anspannung muss sich irgendwann entladen. Aber auch mit diesem Wissen und dem Verständnis, sind meine Nerven manchmal wirklich zu dünn, um richtig damit umzugehen.

Auch in der Schule ist die Impulskontrollstörung ein Problem und führt natürlich zu Ärger mit den anderen Kindern. Gerade in den Pausen und der Nachmittagsbetreuung. Der Schultag ist anstrengend für mein Kind, da klappt es nachmittags in der OGS oft nicht mehr, sich zusammenzureißen. Darum habe ich sie zur Zeit auch von der OGS abgemeldet.

Ein weiterer kritischer Punkt ist die Schwierigkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Gerade in der Schule, bei Hausaufgaben oder zur Zeit im Distanzunterricht. Sie erstmal dazu zu kriegen, überhaupt anzufangen, ist schon schwer. Und wenn ich nicht dabei sitze, klappt gar nichts, weil die Konzentration schon nach wenigen Minuten mit dem Rad raus ist. Dabei ist sie schlau, und die Aufgaben sind alle total einfach für sie.

Dann noch ihre Hyperaktivität. Sie kann keine 5 Minuten stillsitzen, hopst und tobt und springt durchs Haus. Besonders nervig ist das, wenn wir alle zusammen Spiele spielen. Sie steht alle paar Sekunden auf, rennt mal die Treppe rauf und runter usw. Das stört die Konzentration und den Spielspaß der anderen. Und ich als Mutter sitze zwischen 2 Stühlen. Einerseits weiß ich, dass meine Tochter für ihre Hyperaktivität nichts kann, andererseits verstehe ich auch ihre Geschwister, bei denen so gar kein „Spielflow“ aufkommen kann.

Ruhige Ausflüge mit meiner Tochter waren noch nie möglich. Kirchen, Museen, im Zoo mal länger als 1 Minute bei einem Tier stehen bleiben …nicht möglich. Sie muss sich die ganze Zeit bewegen. Also haben wir fast nur Ausflüge gemacht, bei denen sie das konnte. Heute ist das leichter. Mein Exmann macht nun Bewegungsausflüge mit ihr alleine. Und die Großen entscheiden individuell, ob sie mit wollen.

Der nächste schwierige Punkt ist die Ordnung. Wo sie ist, hinterlässt sie Chaos. Ihr Zimmer sieht aus…. aber auch mit Ordnungssystemen, beschrifteten Regalen und Kisten usw. bekommt sie es einfach nicht hin. Und aufgrund meiner Erkrankung kann ich ihr dabei nicht wirklich helfen.

Nun steht im April der nächste Termin in der kinderneurologischen Klinik an. Da werden wir dann über eine mögliche Medikamentengabe sprechen. Und dieses Thema stresst mich enorm. Ritalin und Co. werden nicht ohne Grund unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Ich habe Angst vor einer möglichen Abhängigkeit und einer Wesensveränderung meines Kindes. Auch wenn es bei der Konzentration und evtl. auch bei der Impulskontrolle helfen könnte, sagt mein Bauch eigentlich nein zu Medikamenten. Aber vielleicht braucht mein Kind sie einfach? Das ist eine Entscheidung, die ich eigentlich weder treffen kann noch will…

19 Kommentare zu „ADHS – Eine schwierige Diagnose

  1. ich kenne ein Kind, das bei einer Caritas Erziehungsberatungsstelle recht zeitnah Termine erhielt. Die Symptome waren sehr ähnlich, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt. Die Beratungstermine dort helfen durchaus mit der Impulskontrollstörung besser umzugehen und ein größeres Maß an Frustrationstoleranz zu entwickeln. Persönlich denke ich, dass sich auch die unseligen Corona-Maßnahmen negativ auswirken. Für Eltern und für Kinder sind sie eine untragbare Zumutung.

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    1. Bei der Erziehungsberatungsstelle waren wir bereits. Bei 2 verschiedenen Psychologen. Die sind aber nicht dafür zuständig, Therapien für das Kind anzubieten, sondern nur Gesprächsmöglichkeiten für uns Eltern. Leider hatte aber niemand Fachkenntnisse im Bereich Adhs.

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  2. das ist eine große aufgabe für dich und eine herausforderung für die ganze familie, kostet viel kraft.
    ich finde es gut, dass du davon berichtest – und vielleicht hilft es dir selbst auch ein bisschen, die situation zu beschreiben, sie dadurch aus einer gewissen distanz zu betrachten … auf jeden fall wünsche ich dir sehr, dass du/ihr bald gute, kompetente und zugewandte beratung und unterstützung vor ort bekommt!
    liebe grüße: pega

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      1. Na klar! Ich habe die Diagnose erst mit 22 erhalten. Als Kind war ich mit 2 Sportarten gut ausgelastet. Schwimmen und Fußball. Die Problemsymptomatik in Schule und Freundeskreis waren aber, wie im „Krankheitsbild“ beschrieben. Früh mit Nikotin und anderen Drogen in Kontakt gekommen, wodurch die Symptome verflacht sind. Jetzt zur Kernfrage, ich habe es mit allen möglichen Präparaten probiert. Ich vertrage sie einfach nicht. Einigen hilft es enorm, aber ich persönlich würde mein Kind, die nicht geben. Später sobald es älter wird eventuell. Mir wäre der natürliche emotionale Reifeprozess, das Umgehen mit Konfrontation und die Kreativität sehr wichtig in jungen Jahren. Das Methylphenidat lässt leider wenig Raum für Persönlichkeitsentwicklung und emotionale Erfahrungen. Aber auch hier muss ich sagen, bei vielen hilft es! Das ist schwer abzuwägen, deshalb würde ich es versuchen und schauen, wie mein Kind sich damit fühlt und Gespräche suchen und ganz viel beobachten. Ich weiß es nicht leicht als Mutter oder auch Vater und die Nerven liegen oft blank. Dazu habe ich auch volles Verständnis und muss den Rat geben: Zeit, so schwer und anstrengend sie auch sein mag, benötigt jedes Wesen individuell. Die Wege müssen anders geplant werden und auch viele Umwege. Eines sei aber gewiss, am Ende der Treppe, fängt die ganze Familie an sich zu freuen 😊
        Leider ist in dieser schnelllebigen und Konkurrenzbelasteten Gesellschaft wenig Platz für Eigenbrödler oder Jung-Aktivisten. Deshalb fällt es umso schwerer einen richtigen Weg zu finden, wie das Kind zurecht kommt. Ich wünsche euch, dass Ihr zusammenhaltet, an den Aufgaben reift, den Alltag bunt gestaltet und euch Zeit gibt. Das Kind kann von den Eltern genauso viel lernen, wie die Eltern vom Kind! 🤗
        LG DR 🍀

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  3. Leidet deine Tochter unter der Situation, würde sie gern etwas ändern?
    Weiß sie, dass es die Option Medikamente gibt?
    Wie steht sie dazu?
    Das waren für mich wichtige Fragen. Unserer erster Versuch mit Methylphenidat verläuft leider nicht erfolgreich, wenig Wirkung , viel Nebenwirkung.
    Wobei mein Kind kein „normales ADHS“ hat, sondern es Teil seiner Grunderkrankung ist.
    Mir hilft Erziehumgsberatung sehr, meine Gedanken zu sortieren und lösungsorientiert an die Sache ranzugehen.

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    1. Sie leidet nicht unter der Situation. Sie sieht den Zusammenhang aber auch noch nicht. Dass es Medikamente gibt, weiß sie, will sie aber nicht nehmen. Ich werde sie zum nächsten Gespräch in der Klinik mitnehmen, die Ärztin dort kann wirklich toll kindgerecht erklären. Und danach werden wir weiter reden.

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  4. Ich habe wirklich, wirklich Gott sei Dank so gut wie keine Erfahrung mit diesem Thema, aber ein Gespräch mit meiner Schwester, Grundschullehrerin, im Kopf.

    Voraussetzung ist natürlich eine Diagnose, um sich überhaupt mit dem Thema Medikamente auseinanderzusetzen, und diese hast du ja.

    ADHS ist keine Laune, sondern eine Erkrankung, und bei jeder Erkrankung greift man auf Medikamnte zurück, wenn sonst nichts mehr hilft. Wadenwickel helfen auch nicht immer…. und sogar eine Chemotherapie nimmt man an, wenn man nur diese Chance hat, das Kind zu retten.

    Ritalin und Co. sind keine Entscheidung fürs Leben. Alle Kinder (sagte meine Schwester) konnten die Medis über kurz oder lang wieder absetzen.

    Sicher kann man den Standpunkt einer Lehrerin nicht mit dem einer Mutter vergleichen. In einer Schulklasse ist ja ein einziges ADHS-Kind eine enorme Herausforderung, nicht nur für die Lehrkraft, sondern für 25 Klassenkameraden auch, für die dieses Kind kein „Kamerad“ ist.

    Liebe Grüße und dich, du wunderbare Mama!

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